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Sie mussten die Hölle sehen

Nominiert für den Deutschen Fernsehpreis 2016

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Dokumentation

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 45 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2015
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

Ein Film von Andreas Kuno Richter und Christian Büttner, im Auftrag von RTL in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

„Boko Haram hat meinen Mann umgebracht. Sie haben seinen Kopf vor unseren Augen von seinem Körper getrennt.“ Asabé Samson Nawala ist 49 Jahre alt. Sie lebt heute mit ihren acht Kindern in Nord-Nigeria, in der umlagerten Stadt Maiduguri. Die Witwe erzählt ihre grausame Geschichte einer deutschen Pastorin im Ruhestand. Renate Ellmenreich aus Mainz wagte sich im Sommer 2015 gemeinsam mit einem Fernsehteam der EIKON Nord in die Nähe des Kalifats der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram.

Sie ist unfassbar - die Grausamkeit der Islamisten in Nigeria. Blutrünstige Mörderbanden foltern und töten Christen und Muslime. In den letzten sechs Jahren haben sie viele tausend Menschen umgebracht. Die Brutalität kennt keine Grenzen und zwingt Millionen zur Flucht im eigenen Land.
Die Millionenstadt Maiduguri im Norden des Landes ist zu einer Fluchtburg geworden. Sie liegt direkt am im selbsternannten Kalifat der Terrorgruppe Boko Haram. Tausende Vertriebene suchen hier täglich Schutz.

Das Film-Team hat mit Menschen gesprochen, die alles verloren haben - auch die Hoffnung. Es sind erschütternde Berichte von Witwen über Mord und Plünderungen. Wer überlebt, hat die Hölle gesehen. Die Folge des Terrors: nur wenige Organisationen können in diesen lebensgefährlichen Gebieten helfen. Die Menschen dort sind auf sich allein gestellt. Wer kann, flieht. Auch Nigeria gehört zu den Herkunftsländern, aus denen Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen.

Renate Ellmenreich hat einen Hilfsverein für Witwen und Waisen gegründet. Schon von 1999 bis 2004 war sie als Missionarin im Norden Nigerias und half bei der Alphabetisierung. Jetzt möchte die mutige Christin aufmerksam machen auf die Not der Verfolgten. Überall in Nigeria herrschen Militär, Korruption und Willkür. Kinder werden mit versteckten Bombengürteln versehen und mit Fernzündern in die Luft gesprengt. Und kurz nach den Dreharbeiten mit Renate Ellmenreich auf dem Haupthandelsmarkt in Maiduguri haben die Terroristen eine weitere Bombe gezündet und unschuldige Menschen getötet.

Die Pfarrerin der Mainzer Paulusgemeinde wurde von den heimatlosen Witwen in der nigerianischen Provinz Borno State gerufen. Dort arbeitet Renate Ellmenreich eng mit couragierten Frauen und Männern der evangelischen Kirche zusammen. Unter großen militärischen Sicherheitsvorkehrungen wird ein Treffen mit hunderten Witwen organisiert. Die Menschen sind dankbar, dass die Mainzerin trotz aller Gefahren, den Weg auf sich genommen hat. Die Welt soll von den Grausamkeiten der sogenannten Gotteskrieger erfahren. „Mit einer unvorstellbaren Brutalität geht die Terrorgruppe Boko Haram vor und hinterlässt eine Zerstörung von katastrophalem Ausmaß“, beschreibt die Pfarrerin. Die Dschihadisten sehen sich selbst als nigerianische Taliban. Seit sechs Jahren radikalisiert, verüben sie Terroranschläge gegen Einrichtungen des Staates, gegen Kirchen und Moscheen. Ihr Hauptziel - ein Kalifat, das schon jetzt etwa so groß ist wie Rheinland-Pfalz. „Auch das Gebiet von Borno State wollen sie christenfrei machen, sie vertreiben Christen oder töten sie, zerstören Kirchen und Schulen“, fasst Renate Ellmenreich das Grauen in Worte.
Die deutsche Witwenhilfe aus Mainz arbeitet eng mit der nigerianischen „Lifeline Compassionate Global Initiatives“ zusammen. Muslime und Christen sind darin gemeinsam unterwegs und werben für ein friedvolles Zusammensein der Religionen.

Das wichtigste Ziel für Renate Ellmenreich ist, dass für die heimatlosen Frauen in Nigeria ein Neuanfang möglich ist. Deswegen engagiert sie sich dort, damit „ihre“ Witwen anders als afrikanische Familientraditionen es bislang vorsehen eigene Wege gehen können. „Es ist besser ein Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“ Von diesem afrikanischen Sprichwort lassen sich die Mainzer Pastorinnen leiten in ihrem Engagement für die Frauen, die auf der Flucht vor Boko Haram in Nigeria sind. Deswegen war Renate Ellmenreich dorthin unterwegs.
Welche hoffnungsvollen Visionen die Frauen dabei konkret umsetzen möchten, zeigt die neue Filmproduktion von EIKON Nord im Auftrag von RTL und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Mit freundlicher Unterstützung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Reisebericht Nigeria 14.-31. Juli 2015, von Renate Ellmenreich

(Auszug)

Dank der Idee von Andreas Kuno Richter, der vom Verein „Widows Care e.V.“ gehört hatte, dessen Projekt zu verfilmen, konnte ich im Juli 2015 wieder nach Nigeria reisen. Am 14.7. starteten der Filmemacher Andreas Kuno Richter, der Kameramann Christian Büttner und ich zu einer Besuchs- und Informationsreise, mit sieben Koffern sowie diversem Handgepäck voller Kameratechnik und Geschenke.

Das viele Gepäck wurde akzeptiert und Nikolas Yohanna und John Joseph standen mit ihren beiden Autos am Flughafen in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, bereit und transportierten uns für die erste Nacht nach „Hope Eden“, der Farm von Annegret und Shekar Kumbur ...

Abuja wächst und wächst an seinen Rändern mit unglaublicher Geschwindigkeit. Straßen und Brücken sind für erweiterten Verkehr ausgelegt, es gibt mal wieder Benzin (ca. 40 Cent der Liter) und der Strom ist stabiler als früher. Ähnlich sieht es in Jos aus. Hier kommt der Zuwachs vor allem durch viele IDP’s (internal displaced persons, also Binnenflüchtlinge). Die Lebensmittelversorgung in diesen beiden Städten ist ausreichend, das Angebot an Gemüse hat sich gegenüber früher vergrößert und verbreitert. Man sieht noch hinter den vorderen Fassaden abgebrannte und zerstörte Häuser, insgesamt aber gibt man sich große Mühe, die Schäden der Terroranschläge so schnell wie möglich zu beseitigen.

Die EYN-Kirche, in der ich früher gearbeitet habe und die im Nordosten des Landes ihre stärkste Basis hatte, ist nun zu einem Teil nach Jos ausgewichen. Auf dem Bolder Hill, einem Kirchengrundstück, wird jetzt eine neue Kirche und ein Hauptquartier gebaut. Die alte Kirche ist zum Gästehaus umgebaut worden, leider noch nicht ganz fertig und etwas zu steril geraten. Wir kommen trotzdem gut zurecht und treffen viele viele bekannte und neue Leute ...

In Jos erreicht uns aber auch die Nachricht, dass der Flugverkehr nach Maiduguri wieder aufgenommen werden soll und wir melden uns sofort an. Tatsächlich bekommen wir Tickets für einen der ersten Flüge wieder in diese Stadt, die Hauptstadt des Bornostates – nach über zwei Jahren Stilllegung des dortigen Flughafens. „Med View“ heißt die neue Fluggesellschaft,  Mittelmeerblick.

Rebecca, Asabe, Istifanus und Zakariya Bulus haben alles vorbereitet, holen uns vom Flughafen (eher wie ein Busbahnhof) ab und bringen uns zum besten Hotel in der Stadt, dem „Pinnacle“ – Swimming Pool, Restaurant und von 18.00 bis 8.00 Uhr läuft der Generator, so dass wir Strom haben, Klimaanlage und Warmwasser. Das headquarter der Armee ist gerade vom neuen Präsident, Muhammadu Buhari, hierher nach Maiduguri beordert worden, um Boko Haram aus der Nähe besser bekämpfen zu können, und logiert mit uns im Hotel. So fühlen wir uns bestens bewacht, sind natürlich aber auch, wie die Armeeführung, ein Ziel für evtl. Anschläge ...

Jugendliche ‚vigilantes‘ (Wächter) stoppen aggressiv Autos, durchsuchen sie, schlagen auch mal zu mit ihren Stöcken. Sind es Checkpoints von Armee oder Polizei, geht es manchmal etwas geordneter zu ...

Gleich am ersten Tag gibt es eine große Versammlung der in der CWA (Christian Widows Association) registrierten Frauen und wir werden Zeugen einer Hilfsgüter-verteilung und sehen sehr anschaulich, wohin die Spenden von „Widows Care e.V.“ fließen. Anschließend erzählen uns einige Frauen ihre Geschichten. Sie sind so grausam, dass ich sie hier gar nicht wiedergeben kann. Nach der zehnten Erzählung kann ich es nicht mehr ertragen und wie brechen die Aufnahmen ab. Ich merke, dass es den Frauen irgendwie doch guttut, dass sie ihre Erlebnisse mitteilen können, dass ihnen jemand zuhört, sich interessiert für das, was ihnen angetan wurde. Immer wieder höre ich die Klage, dass sie sich hier in Maiduguri von der Welt vergessen und verlassen fühlen. Seit Jahren hat sie niemand mehr besucht, nicht aus dem Ausland und auch nicht von der Kirchenleitung.

Dann wird eine Frau gebracht, die gerade aus Ngoshe (meinem ehemaligen Nachbardorf) hier irgendwie angekommen ist. Boko Haram hat ihre Arme mit Draht auf den Rücken und mit einer anderen Frau zusammen gebunden. Drei Tage lang. Dann ist die andere Frau gestorben und sie aus dem Drahtgeflecht frei gekommen. Ihre abgebundenen Arme – furchtbare schwarze Striemen - sind nun tot. Sie kann sie nicht mehr heben, kann die Hände nicht bewegen, kann nicht essen… Ihr Gesicht spiegelt das Grauen wieder, sie kann kaum reden, ihre Augen sehen ins Nichts. Einige der Witwen von CWA tragen sie zur nächsten Krankenstation.

Die Regierung im Borno State gibt bekannt, dass allein in Maiduguri 1,3 Millionen IDP‘s (Flüchtlinge) registriert sind. Wir besuchen das Flüchtlingslager der EYN-Kirche, gleich nebenan. Auf einem Grundstück, etwas weniger als 1 ha, leben hier 3968 Menschen, die große Mehrheit von ihnen kommt aus den Dörfern des Bayan Dutse (= hinterm Berg), dem Tal in dem auch Gavva liegt, dem Anfang der Basler Missionsarbeit, das vor 10 Jahren noch mehrheitlich christlich war. Nun lebt dort kein Christ mehr. Boko Haram, dem sich erschreckenderweise auch viele moslemische Dorfbewohner angeschlossen haben, zwang die Leute zur Konversion zum Islam. Wer das nicht wollte (also fast alle), wurde vertrieben oder getötet. Manchmal von den eigenen Nachbarn. Die Häuser geplündert und in Brand gesteckt. Sie erzählen mir, dass in Gavva 2, dem Dorf in dem auch ich gelebt habe, kein einziges Haus stehen gelassen wurde. Auch Kirche, Schule und Mission-Compound wurden abgerissen, alles was darin war, zerstört und verbrannt.

Es tut sehr weh, das zu hören. Aber ich musste es nicht miterleben. In ihren Gesichtern sehe ich jedoch das Entsetzen. Wie sollen wir jemals wieder in unsere Dörfer zurückkehren und mit diesen Nachbarn wieder zusammen leben können, fragen sie ...

Am nächsten Tag können wir in Begleitung von Security ein weiteres Flüchtlingscamp besuchen. Es liegt außerhalb Maiduguris, an der Bama Road. Hier leben nur Kanuris. Sie sind der größte Stamm im Borno-State und sie sind alle Muslime. 18.900 Menschen auf einem großen Gelände. Das Lager wird vom Roten Kreuz Nigerias betreut. Es gibt zwei Zeltstädte, zwei Schulen (1.-6.Klasse), Unterrichtsmaterial von UNICEF, eine Klinik und viele Lebensmittelvorräte, die man uns stolz zeigt. Auch ein kleiner Markt existiert hier ...

Die Separation der Religionsgemeinschaften ist hier viel stärker, als in anderen Landesteilen. Die Methode der NGO „Lifeline Compassionate Global Initiatives“, die ja Partner von „Widows Care e.V.“ ist, Christen und Muslime gemeinsam in neuen Dörfern anzusiedeln und sie zu gemeinsamen ökonomischen Aktivitäten anzuregen, scheint hier (noch) nicht umsetzbar. Hass aufeinander und Angst voreinander sind groß. In mehreren Sitzungen mit dem Leitungskomitee besprechen wir die künftige Zusammenarbeit, welche Projekte angedacht sind, wo die meiste Unterstützung gebraucht wird.

Stolz führt uns Rebecca den Anfang einer Muffinbäkerei vor. 15 jüngere Witwen haben sich für dieses Projekt angemeldet. In Ermangelung eines anderen Platzes wird in der Küche des Kirchencompounds gebacken, wo das Essen für die Soldaten zubereitet wird, die draußen auf der Straße, hinter vielen Sandsäcken versteckt, diese Kirche bewachen ...

Zwei Stunden bevor wir wieder abfliegen müssen kommt ein starker Sandsturm auf. Wir sehen aus wie Indianer, von oben bis unten mit rotem Sand gepudert. Dann kommt der Regen. Er kommt so stark, dass binnen Minuten die ganze Gegend 10 cm unter Wasser steht. Wie geht es jetzt wohl den Flüchtlingen im Camp nebenan, in ihren Reistütenhäusern?

Wieder in Abuja empfinden wir den Unterschied zu Maiduguri noch stärker – zwei völlig verschiedene Welten ...

In Gurku leben vier Witwen aus dem Bayan Dutse, die bereit sind, ein eigenes Geschäft aufzumachen. Ich erzähle von Rebeccas Muffinbäckerei in Maiduguri. Sie sind begeistert und trauen sich das auch zu. Dahinter steckt die nackte Not. Witwen haben keinen Versorger mehr, sind auf mildtätige Unterstützung angewiesen. Alle vier erzählen mir, dass sie seit einem Jahr kein Fleisch mehr gegessen und an manchen Tagen gar nichts zu essen haben.

Aber selbständig zu sein haben sie nicht gelernt. Sie fragen viel. Nicolas erklärt ihnen das Marketing und ich mache mit ihnen den ersten Versuch ... Als die Muffins endlich fertig gebacken sind, bieten die Frauen sie für 50 Naira (= 20 Cent) an und die Männer kaufen alles binnen fünf Minuten auf. Auf einmal haben die Witwen weit über 1000 Naira in der Hand. Selbstverdient durch eigener Hände Arbeit. Ihre Gesichter strahlen, wie wohl schon lange nicht mehr.

Inzwischen sind Backofen und Küche im Bau.

Zur Gesamtlage im Land gibt es unterschiedliche Meinungen. Viele sagen: es hat sich noch nichts verbessert unter dem neuen Präsidenten, er hat noch keine Regierung gebildet, fährt nur für schöne Bilder mit anderen Präsidenten in der Welt herum und die Sicherheitslage kriegt er auch nicht in den Griff. Seit seiner Amtseinsetzung sind über 800 Menschen von Boko Haram umgebracht worden. Andere sagen: es tut sich langsam was. Es gibt wieder Benzin, die Korruption der Vorgängerregierung wird aufgedeckt (größer als je zuvor!), die Stimmung im Land verbessert sich ...

Wir von „Widows Care e.V.“ werden weiterhin versuchen, die Witwen und Waisen in Maiduguri und anderswo zu unterstützen und ihnen mit Startkapital für eigene Unternehmen beizustehen.

Spenden sind also weiterhin willkommen.

  • AutorAndreas Kuno Richter und Christian Büttner
  • KameraChristian Büttner und Andreas Kuno Richter
  • SchnittChristian Büttner
  • SprecherLeon Boden, Susanne Schwab
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • RedaktionDieter Czaja, RTL und Christian Engels, EKD
  • ÜbersetzerDr. Constanze Halima Schmaling
  • DanksagungenHajiya Binta Bakari und Markus Gamache, Lifeline Compassionate Global Initiatives
  • DanksagungenRebecca Bitrus, Nikolas Yohanna, Annegret Kumbur (Farm "Hope Eden"), Irmagard und Samuel Williams (Lagos, Jos), Ayuba Abubakar Suleiman (Lehrer in Bwari), Madam Asabé Ladaju (Witwenhilfe in Maiduguri)

Über den Verein Widows care:

Es tut weh, jeden Tag schlimme Nachrichten aus aller Welt zu hören und dabei zu empfinden, dass man eigentlich nichts tun kann. Weil viele Ohnmachtsgefühle haben, hören und schauen sie kaum mehr hin.  Wir, acht Pfarrerinnen in Mainz, waren der Meinung: lieber mal gucken, ob man nicht doch etwas tun kann und erinnerten uns an das afrikanische Sprichwort: Deshalb haben wir einen Verein gegründet, dessen einziger Zweck ist, Frauen im Norden Nigerias zu unterstützen, die durch die grausamen Verbrechen der Terrororganisation "Boko Haram" zu Witwen geworden sind.
Viele von ihnen mussten mit ansehen, wie ihre Männer ermordet wurden, wie ihre Söhne zum Kämpfen gezwungen, ihre Töchter missbraucht wurden. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Lebensmittelvorräte mitgenommen und sie selbst oft zwangsweise in den Dienst für die Terroristen gezwungen. Diejenigen, denen die Flucht gelang und die sich in Maiduguri, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Borno in Nigeria sammeln konnten, sind unsere Partnerinnen in diesem Projekt.

1. Die Situation

Im Jahr 2002 wurde die islamistische Gruppe „Boko Haram“ in Maiduguri, der Hauptstadt des Borno State im Nordosten Nigerias gegründet.

Boko kommt vom englischen book und haram bezeichnet Verbotenes im Islam. Daher die inzwischen üblich gewordene Übersetzung „(westliche) Bildung ist Sünde“. Der Nordosten ist die am meisten vernachlässigte Region des Landes. Hier gibt es kein Öl oder andere Bodenschätze, die Bevölkerung lebt zum größten Teil von der Subsistenzlandwirtschaft und kleineren Handwerksbetrieben. Die Infrastruktur ist unterentwickelt. Es gibt nur wenige asphaltierte Straßen, unzureichende Stromversorgung (nur in größeren Städten), das Mobilfunknetz deckt nicht die ganze Region, einen Inlandsflughafen und eine Universität (in Maiduguri). Im Borno State leben etwa 6 Millionen Menschen, ca. 60 % sind Muslime, 30-35 % Christen und 5-10% Animisten.

Seit 2009 hat sich Boko Haram radikalisiert und verübt Terroranschläge gegen Einrichtungen des Staates (Polizei, Gefängnisse) Banken, Schulen, Kirchen und Restaurants. Dabei starben bis jetzt (Anfang 2015) schätzungsweise mehr als 13 000 Zivilisten. 

2. Methoden des Terrors

Die Terroristen sind zum Teil militärisch ausgebildet (in Somalia und Mali), technisch hochgerüstet (Hilux Pickups, Raketenwerfer, Maschinenpistolen, Satellitentelefon) und haben offensichtlich ein Netzwerk an Unterstützern bis hinein in Politik und Armee. Offiziell angegebenes Ziel ihres Kampfes ist die Gründung eines islamischen Kalifats in ganz Nigeria. Mehrere Gruppen operieren unabhängig voneinander. Neben Djihadisten, die es vor allem auf staatliche Einrichtungen abgesehen haben, gibt es Gruppen, die vorgeben, aus religiöser Motivation zu kämpfen und vor allem Kirchen und liberale Moscheegemeinden angreifen und einfache Banditen, denen es vor allem um Raubüberfälle geht.

Die „religiöse“ Gruppe hat als ein Ziel ausgerufen, Borno State christenfrei zu machen. In der Region Gwoza haben sie inzwischen einen sogenannten „Kalifatsstaat“ ausgerufen.

Die Überfälle geschehen oft nach dem gleichen Muster: nachts rasen die Terroristen mit Pickups in ein Dorf, überfallen die Häuser eins nach dem anderen oder treiben die Bevölkerung zusammen. Die Männer werden erschossen oder mit Macheten „geschlachtet“, manchmal nachdem sie haben zusehen müssen, wie ihre Frauen vergewaltigt wurden. Frauen und Kinder werden mitgenommen oder vertrieben. Die Häuser werden geplündert und dann angezündet. 

3. Die betroffene Bevölkerung

Nachdem weder die Verhängung des Ausnahmezustands über Borno, Adamawa und Yobe State, noch die Entsendung von Spezialeinheiten der nigerianischen Armee die Sicherheit der Bevölkerung vor Überfällen gewährleisten, fliehen immer mehr Menschen aus ihren Dörfern, zum Teil in die Nachbarstaaten Niger und Kamerun und Tschad, zum Teil in den Busch und in die Berge. Die Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen, der Handel ist fast zum Erliegen gekommen durch zerstörte Straßen und Brücken. Lebensmittel verteuern sich rasant. Fast alle Schulen sind geschlossen.

Am schlimmsten betroffen sind die Frauen und Kinder, deren Ehemänner und Väter getötet wurden. Witwen sind in Nordnigeria fast rechtlose Personen. Ohne Mann können sie kein Feld besitzen, kein Geschäft eröffnen oder ein Bankkonto einrichten. Eine Versorgung durch die Großfamilie wird immer schwieriger unter den gegebenen Umständen. 

4. Das Projekt

„Lifline Compassionate global Initiatives“ ist ein – seit April 2014 eingetragener – Verein mit Sitz in Jos, Hauptstadt des Plateau State in Zentralnigeria. Er leistet seit 2010 Friedensarbeit, bei der vor allem durch Überfälle hinterbliebene Witwen und Waisen, Muslimas und Christinnen, ermuntert und befähigt werden, gemeinsam eine Arbeit zu unternehmen, mit deren Gewinn sie überleben können. Geistliche beider Religionen begleiten das Projekt.

Im Mai und im Juni 2014 haben sich ca. 2000 Witwen in Maiduguri versammelt und eine Zweigstelle dieses Vereins gegründet. Sie haben ein Leitungskomitee gewählt und ein Konto eröffnet. Die Frauen und ihre Kinder werden registriert, ihre Geschichten  (wann und wo der Überfall passiert ist und weitere Details) werden aufgeschrieben. Die Frauen versuchen in kleinen Gruppen gemeinsam ihr Überleben zu sichern, durch ein kleines Geschäft oder andere gemeinsame Arbeit.

Wenn sie eine Nähmaschine kaufen können, beginnen sie zu schneidern, andere backen Brot oder verkaufen Essen an der Straße.

Einige unter ihnen sind Lehrerinnen. Sie haben angefangen, die Kinder, auch die vielen Waisen, zu unterrichten. So zeigen sie ihren Widerstand gegen die bildungsfeindlichen Terroristen:

boko haram - Bildung ist Sünde? Nun erst recht! Viele Witwen haben auf ihre eigene Unterstützung verzichtet, um den Kindern Schulunterricht zu ermöglichen.

IHNEN ALLEN GILT UNSERE SOLIDARITÄT, DIE SIE MIT EINER SPENDE FÜR DIESES PROJEKT UNTERSTÜTZEN KÖNNEN!

Der Verein „Widows Care e.V. überweist alle Spenden ohne Abzug an  den Verein  „Lifeline Compassionate“ in Maiduguri“. Spendenbescheinigungen werden ausgestellt. (Bitte Adresse angeben!)

Spendenkonto: Renate Ellmenreich—Widows Care, 

IBAN  DE43 5206 0410 0104 9488 66

BIC  GENODEF 1 EK 1


Die Musik im Film

Einige Stücke sind von Nneka, der sicherlich markanteste Song aber nicht:

Fever Ray, Keep The Streets Empty For Me