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Justice

Tabuthema Samenspende

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Trailer: Tabuthema Samenspender
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Richterin und Moderatorin Julia Scherf
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Samenspender Peter wäre bereit, seine biologischen Kinder auf Wunsch zu treffen
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Sunny Müller sucht ihren biologischen Vater
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Moderatorin Julia Scherf - 100.000 Kinder Dank Samenspende in Deutschland
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2013
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

Sunny Müller ist 33 Jahre alt. Ihr Leben begann im Oktober 1979 in einem Krankenhaus in Berlin. Dort wurde ihrer Mutter der Samen eines anonymen Spenders eingepflanzt. Lange Zeit ist das überhaupt kein Thema für Sunny. Aber dann, vor etwa einem Jahr, beginnt es in ihr zu rumoren: wer ist dieser Mann, der genetisch ein Teil von ihr ist? „Ich habe nicht nur zwei Eltern, ich habe eigentlich drei Eltern, und das dritte Teil fehlt halt noch. Es ist Ungewissheit da, und ich versuche einfach, dieses Loch zu füllen.“ 

Schätzungsweise 100.000 Samenspenderkinder leben in Deutschland. Die Anonymität des Spenders wurde Jahrzehnte lang einfach hingenommen. In den betroffenen Familien wurde so gut wie nie darüber gesprochen. Zu groß war die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung.

Doch Gerichte bestätigen immer wieder das Recht der Kinder auf Wissen um die eigene Herkunft.

Für die Spender bedeutet das: es gibt keine garantierte Anonymität mehr. Bislang ist es zuerst einmal leichtverdientes Geld. Rund 100 Euro pro Samenspende. Viele machen das wöchentlich, und das über Jahre. Eine zentrale Kontrolle gibt es nicht. Ein Job ohne Verantwortung?

Martin Bühler ist jahrelang quer durch Deutschland und Europa gereist und hat Frauen so zu einem Kind verholfen. „Samenspenden ist im Prinzip nichts anderes als Blutspenden, nur mit größeren Auswirkungen. Und wenn man offen damit umgeht, auch mit den Kindern, dann ist es kein Problem, dann haben die Kinder kein Problem damit.“

Ärzte müssen die Unterlagen der Samenspender 30 Jahre aufbewahren. Doch das Recht stößt an Grenzen. Was, wenn die Daten einfach vernichtet wurden, wenn eine Arztpraxis aufgelöst wurde?

Sunny Müller versucht alles, um ihren biologischen Vater zu finden, doch überall stößt sie auf Schweigen. Ihre letzte Hoffnung: Ein DNA-Test aus den USA. Ist in dieser weltweiten Datenbank auch ihr Vater gespeichert? Und findet sie vielleicht sogar Halbgeschwister?

Im März dieses Jahres verurteilte das Oberlandesgericht Hamm einen Reproduktionsmediziner einer durch Samenspende gezeugten Frau den Namens ihres Spenders herauszugeben. Eine Sensation! Denn jahrelang war es in Deutschland gang und gäbe, dass Samenspendern Anonymität zugesichert wurde – etwas, an dem scheinbar niemand zu rütteln wagte. Bis diese junge Frau, Sarah P., vor Gericht zog und gewann. Den Namen ihres Spenders bekam sie dann trotzdem nicht vom Arzt – der hatte angeblich keine Unterlagen mehr. Was nun? Sarah P. Ging an die Öffentlichkeit und fand den Mann, mithilfe dessen Samen sie gezeugt wurde – über eine Fernsehsendung.

Es war klar, dass diese junge Frau nur eine von unzähligen Spenderkindern in Deutschland ist. Deren Eltern mussten zustimmen, dass der Spender anonym bleiben würde, sie kein Recht hätten, nach ihm zu forschen. Wer das in Frage stellte, bekam keine Samenspende – basta! Was das für die so entstandenen Kinder bedeuten könnte, darüber hat sich offenbar jahrelang niemand Gedanken gemacht – weder die Eltern, noch die Reproduktionsmediziner. Und dass, obwohl es ein Grundrecht jedes Menschen ist, seine Herkunft zu kennen. Ein Recht, das vom Grundgesetz flankiert wird und vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Und trotzdem steht eine ganze Generation von Spenderkindern quasi rechtlos da. Denn die Verantwortung will niemand übernehmen.

Deshalb haben wir uns die Frage gestellt: wie geht ein Spenderkind damit um? Welche Chancen hat es in der Realität, die Quelle seines Lebens zu finden? Wie reagieren Ärzte und Krankenhäuser? Was treibt diese Kinder in ihrer Suche an? Warum ist es für sie so wichtig, zu wissen, wer ihr Erzeuger ist – selbst wenn sie einen sozialen Vater hatten?

Das fand ich als Autorin spannend. Und alle – Betroffene und Experten – bestätigten: das Thema Samenspende muss raus aus der Schmuddelecke, es braucht Öffentlichkeit und Offenheit! Wochenlang las ich Gesetzestexte, führte unzählige Gespräche mit Betroffenen, Ärzten, Psychologen, Anwälten und Eltern. Und war kurz davor, das Thema aufzugeben. Denn, obwohl alle mich ermutigten, gab es scheinbar kein Spenderkind, dass offen vor die Kamera gehen wollte. Ein Paradoxon! Alle wollen mehr Offenheit aber niemand will mit seinem Gesicht und seiner Geschichte dazu beitragen. Denn immer noch ist die Samenspende ein Tabuthema – insbesondere in den betroffenen Familien. Auch Jahrzehnte danach wird offenbar immer noch getuschelt, gemunkelt und verheimlicht.

Dann, als ich kurz vor dem Aufgeben war, meldete sich Sunny – die Hauptprotagonistin in meinem Film. Ein Glücksfall, denn sie hatte keine Skrupel, vor die Kamera zu gehen und sich bei ihrer Suche begleiten zu lassen. Ganz im Gegenteil: Sunny sieht absolut keinen Anlasse, sich dafür zu schämen, wie sie entstanden ist. Sie hatte eine sozialen Vater, den sie geliebt hat und der für immer ihr Papa bleiben wird. Aber das Puzzleteil, das ihr fehlt, bleibt ihr biologischer Vater.

Sunny hat auch mitgemacht, weil sie durch ihren öffentlichen Auftritt hofft, ihren Erzeuger zu finden. Wir wollen in Kontakt bleiben. Sie will sich melden, falls sie bei ihrer Suche Erfolg hat. Ich drücke ihr die Daumen.

Andrea Böll

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorAndrea Böll
  • KameraThomas Henkel
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • SchnittAnke Wiesenthal
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • PressebetreuungAnna Reinecke, Katja Kersting

1. Es gibt das Recht des Kindes auf seine Herkunft. Dies hat sich historisch entwickelt, denn schon bevor es Samenspenden gab, gab es die sogenannten „Kuckuckskinder“ oder Kinder aus Adoptionen, die wissen wollten, wer ihr biologischer Vater oder ihre biologische Mutter ist.

Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Rechtsprechung entwickelt, dass die Abstammung zum Persönlichkeitsrecht (Artikel 2, Absatz 1 GG) gehört. Die Kenntnis der eigenen Herkunft kann wichtig sein für das Verständnis und die Entfaltung der Individualität. Aus dem Persönlichkeitsrecht ergibt sich, dass das Wissen um die eigene Herkunft geschützt werden muss. (Ursprünglich ging es um Fälle, in denen Mütter ihren nichtehelichen Kindern nicht den Namen des biologischen Vaters nennen wollten). Der Gesetzgeber hat deswegen Adoptivkindern einen einklagbaren Anspruch auf Auskunft über den Namen des leiblichen Vaters eingeräumt.

2. Seit etwa 40 Jahren gibt es in Deutschland Kinder, die das Ergebnis einer Samenspende sind. Mittlerweile sind es etwa 100.000. Ein eigenes Gesetz für Samenspender und ihre Kinder gibt es nicht. Das ist auch nicht notwendig, denn im BGB, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, ist alles geregelt, auch der Umgang von Eltern und Kindern.

Seit 2007 müssen Ärzte die Unterlagen, also auch die Namen der Spender, 30 Jahre aufbewahren. Das war früher anders, da genügten 10 Jahre. Viele Kinder haben jetzt als Erwachsene also kaum Möglichkeiten, ihre Herkunft zu erforschen. Die Unterlagen wurden vernichtet. Vielleicht haben sie Halbgeschwister? Vielleicht gibt es weitere Familienangehörige? Fragen, die sich nicht mehr beantworten lassen.

Am einfachsten wäre es, wenn die Eltern die Unterlagen und Informationen – soweit sie sie haben – für ihre Kinder aufbewahren. Dies erspart den Kindern die oft lange und kostenintensive Klage gegen Ärzte auf Auskunft. Dass viele Eltern dies nicht machen zeigt, dass es sich oft eher um einen innerfamiliären Konflikt handelt, weniger um einen juristischen. Die Kinder suchen Antworten nach ihrer Herkunft, die (nichtbiologischen) Eltern haben daran aus unterschiedlichen, sehr persönlichen Gründen vielleicht kein Interesse.

3. Und was ist mit dem biologischen Vater, dem Samenspender? Grundsätzlich kann ihm in Deutschland rechtlich keine Anonymität zugesichert werden. Wenn der nicht-biologische, also der soziale Vater, die Vaterschaft anerkennt, ist er der Vater des Kindes - mit allen Rechten und Pflichten. Damit muss der Samenspender nicht befürchten, Unterhalt zahlen oder die aus der Samenspende entstandenen Kinder als Erben berücksichtigen zu müssen. Der einzige Anspruch des Kindes gegenüber seinem biologischen Vater ist der auf Auskunft. Für den Spender bleibt das Risiko, mit einem Kind konfrontiert zu werden. Wie mag es sich anfühlen, wenn Jahre später jemand mit dem gleichen Grübchen im Kinn vor der Tür steht und „Hallo Papa!“ sagt? Jeder Samenspender sollte sich bewusst machen, dass aus seiner Spende ein Leben entstehen kann und er vielleicht eines Tages diesem Leben, seinem Kind, begegnen könnte und seine Fragen zur Herkunft beantworten muss.